Chronische Obstipation

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Chronische Obstipation (Verstopfung)

Die chronische Obstipation (Verstopfung) ist keine harmlose Verdauungsstörung, sondern ein ernst zu nehmendes Gesundheitsproblem.

Definition

Als Verstopfung (Obstipation) wird das zu seltene oder das erschwerte Absetzen von Stuhl bei meist zu geringen Stuhlmengen bezeichnet. Das bedeutet aber nicht, dass jeder, der seltener als einmal täglich Stuhlgang hat, unter Verstopfung leidet. Medizinisch wird erst von einer Verstopfung gesprochen, wenn es seltener als alle drei Tage zur Stuhlentleerung (Defäkation) kommt, die einzelnen Stuhlportionen sehr klein und hart sind und/oder die Stuhlentleerung mit Beschwerden verbunden ist.

Eine chronische Verstopfung liegt vor, wenn die Beschwerden seit mindestens drei Monaten bestehen und der Leidensdruck so groß ist, dass ein Arzt konsultiert werden muss. Zum typischen Beschwerdebild gehört starkes Pressen beim Stuhlgang – oft verbunden mit Schmerzen, klumpiger oder harter Stuhl, das Gefühl bei der Stuhlentleerung einen Widerstand überwinden zu müssen, den Darm nur unvollständig entleeren zu können oder weniger als 3 Stuhlgänge pro Woche absetzen können.

Immer wieder auftretende Phasen der Verstopfung sind ein häufiges Gesundheitsproblem. Überproportional häufig betroffen sind Frauen sowie ältere Menschen. So geben bis zu 40 Prozent der über 60-Jährigen an, unter Darmträgheit zu leiden.

Konkrete Zahlen dazu, wie häufig eine chronische Verstopfung ist, gibt es nicht. Geschätzt wird, dass in Europa rund 15 Prozent der Allgemeinbevölkerung betroffen sind.

Die Ursachen der chronischen Verstopfung können vielfältig sein. So ist immer wieder zu hören, dass bestimmte Faktoren des Lebensstils wie ballaststoffarme Ernährung, zu geringe Flüssigkeitsaufnahme, mangelnde Bewegung sowie häufige Unterdrückung des Stuhldrangs die Ursache für dieses Verdauungsproblem seien. Diese Faktoren werden allerdings oftmals überschätzt, ein direkter kausaler Zusammenhang ist wissenschaftlich nicht belegt.

Dennoch kann es sein, dass eine bestehende Neigung zur Verstopfung durch solche Lebensstilfaktoren verstärkt wird. Wer oft keine Zeit findet, die Toilette aufzusuchen und das Signal des Darms zum Stuhlgang unterdrückt, wird den Entleerungsdrang irgendwann nicht mehr spüren. Der Stuhl bleibt dann länger im Darm und wird weiter eingedickt. Die Darmentleerung wird beschwerlicher, der Stuhlgang schmerzhaft und es droht eine chronische Verstopfung.

Weitere Ursachen der chronischen Verstopfung können zudem andere Krankheitsbilder sein. So tritt die chronische Verstopfung oft im Zuge eines Reizdarmsyndroms auf. Diese Erkrankung geht häufig mit Stuhlunregelmäßigkeiten und Verstopfung einher. Die genauen Ursachen des Reizdarmsyndroms sind noch nicht bekannt. Unabhängig davon können beispielsweise auch hormonelle Störungen oder eine Beckenbodensenkung zu Magen-Darm-Beschwerden und einer chronischen Verstopfung führen.

Bei der Ursachensuche ist auch an Medikamente zu denken. Es gibt Arzneimittel wie beispielsweise einige starke Schmerzmittel, Blutdrucksenker oder Antidepressiva, die als Nebenwirkung Darmbeschwerden oder eine chronische Verstopfung auslösen können.

Charakteristische Symptome einer chronischen Verstopfung sind eine zu seltene Stuhlentleerung, Schmerzen beim Pressen, klumpiger oder harter Stuhl, ein Gefühl der unvollständigen Entleerung sowie eventuell erforderliche manuelle Manöver zur Erleichterung der Stuhlentleerung. Begleitende Verstopfungssymptome können Völlegefühl, Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchschmerzen und Krämpfe/Blähungen, aber auch Rückenschmerzen oder rektale Schmerzen sein. Solche Symptome stellen für die Betroffenen eine erhebliche Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität dar.

Als Alarmsymptome der Obstipation gelten alle Beschwerden, die auf eine ernste, sofort zu behandelnde Erkrankung hindeuten. Das können zum Beispiel Blutungen/Teerstuhl, Blutarmut (Anämie), unbeabsichtigter Gewichtsverlust sowie Lymphknotenvergrößerungen, eine positive Familienanamnese für gastrointestinale Tumoren, Fieber, Symptome einer Mangelernährung, Alter >50 Jahre, ein fortschreitender Verlauf mit starken Beschwerden aber auch ein Wechsel zwischen Verstopfung und Durchfällen sein.

Diagnose

Bei der chronischen Verstopfung handelt es sich um ein ernst zu nehmendes Krankheitsbild, dessen Ursache im Rahmen einer umfassenden Diagnostik geklärt werden sollte. Das ist vor allem wichtig, um schwere Erkrankungen wie beispielsweise einen bösartigen Tumor ausschließen zu können.

Basis der Diagnostik ist zunächst die Erhebung der Anamnese (Vorgeschichte), also das Gespräch des Arztes mit dem Patienten, in dem dieser die Krankheitsentwicklung soweit als möglich nachverfolgt. Es wird besprochen, welche Beschwerden und möglichen Begleitsymptome akut bestehen, wann diese erstmals aufgetreten sind und wie sich die Verdauungsprobleme entwickelt haben. Es wird zudem das Stuhlverhalten wie z. B. die Stuhlfrequenz und die Stuhlkonsistenz aber auch starkes Pressen, Bauchschmerzen oder Blähungen erfragt.

Der Arzt wird sich ferner nach den Lebensgewohnheiten, dem Bestehen anderer Krankheiten (z. B. ein Diabetes mellitus) und einer regelmäßigen Medikamenteneinnahme erkundigen.

Im Gespräch wird der Patient möglicherweise aufgefordert, ein Stuhltagebuch zu führen, das heißt zu dokumentieren, wann es zum Stuhlgang gekommen ist und ob dabei Beschwerden auftraten.

Zur Basisdiagnostik gehört auch eine körperliche Untersuchung mit Abtastung des Enddarms mit dem Finger (digital-rektale Untersuchung). Aus der Anamnese und der körperlichen Untersuchung ergeben sich für den Arzt erste Hinweise auf mögliche Ursachen der chronischen Verstopfung. Das hat Auswirkungen auf die weitere Diagnostik. So wird zum Beispiel an ein Reizdarmsyndrom gedacht, wenn der Patient neben den Verdauungsbeschwerden häufige Bauchschmerzen beklagt. Dann erfolgt eine Diagnostik, wie sie für das Reizdarmsyndrom vorgegeben ist.

Liegen keine „Alarmsymptome“ vor, so kann entsprechend der Leitlinie für das ärztliche Vorgehen versucht werden, die chronische Verstopfung mittels allgemeiner Maßnahmen und einer medikamentösen Therapie zu beheben.

Ist eine weiterführende Diagnostik zur Abklärung der Krankheitsursachen angezeigt, wird der Arzt zunächst Laboruntersuchungen veranlassen. Zu den weiterführenden Maßnahmen gehören außerdem eine Ultraschalluntersuchung, gegebenenfalls eine Röntgenuntersuchung, eine Computer- oder Kernspintomographie (Defäkographie), eine Enddarmspiegelung (Proktoskopie) oder möglicherweise auch eine Darmspiegelung (Koloskopie). Im Einzelfall kann außerdem eine Druckbestimmung im Darm (anorektale Manometrie), eine Messung der Darmpassage der Nahrung (Kolontransit) sowie bei Frauen eine gynäkologische Untersuchung angezeigt sein. Bestimmte Atemtests oder eine histologische Mukosadiagnostik können sich anschließen.

Therapie

Gemäß den deutschen Leitlinien wird eine bedarfsangepasste, stufenweise Steigerung der therapeutischen Maßnahmen empfohlen.

Auch wenn Lebensstilfaktoren eher selten die Ursache einer chronischen Verstopfung sind, kann man durch sein Verhalten im Alltag doch wesentlich zu einer Besserung der Verstopfung beitragen. Dabei ist eine ballaststoffreiche Ernährung, also der Verzehr von reichlich Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten sowie Vollkornprodukten, wichtig.

Menschen, die zu Verdauungsproblemen und Darmbeschwerden neigen, sollten außerdem unbedingt darauf achten, ausreichend zu trinken. Da der normale Stuhl einen Wassergehalt von 70 bis 80 Prozent hat, droht bei zu geringem Flüssigkeitsgehalt eine Verstopfung. Pro Tag sollten mindestens zwei bis drei Liter Flüssigkeit aufgenommen werden, am besten in Form von Mineralwasser oder ungesüßten Tees – und in Kombination mit Ballaststoffen, sonst kommt die Flüssigkeit nicht im Darm an. Eine Ausnahme stellt schwarzer Tee dar, der eine Verstopfung eher begünstigen kann.

Ferner ist auch auf regelmäßige Bewegung zu achten, denn ständiges Sitzen macht den Darm träge, während körperliche Bewegung die Darmpassage der Nahrung fördert und damit auch den Stuhlgang stimuliert. Der Darm braucht zudem den mechanischen Reiz der Bewegung und der Erschütterung, der zum Beispiel beim Laufen entsteht. Um optimal zu funktionieren, ist er auch auf die „Massage“ durch das Zwerchfell angewiesen, die mit einer tiefen Atmung wie etwa beim Treppensteigen einhergeht.

Zu den allgemeinen Maßnahmen gehört zudem das richtige Verhalten beim Toilettengang. Um Verstopfungen zu lösen, sollte es selbstverständlich sein, für eine regelmäßige Stuhlentleerung zu sorgen und den Stuhldrang nicht zu unterdrücken, weil gerade keine "passende Zeit" ist oder Stress und volle Terminpläne die Prioritäten verschieben. Die Defäkation sollte vielmehr dann erfolgen, wenn ein Reiz zur Stuhlentleerung spürbar ist. Der Toilettengang sollte eine Zeitdauer von drei Minuten nicht überschreiten.

Selbstverständlich muss im Rahmen der Obstipationsbehandlung auch geprüft werden, ob möglicherweise Medikamente, die eine Verstopfung begünstigen, durch andere Arzneimittel ersetzt werden können.

Erzielt man durch allgemeine Maßnahmen alleine keine ausreichende Besserung, so empfehlen die Leitlinien die zusätzliche Einnahme von löslichen Quellstoffen wie beispielsweise Indische Flohsamenschalen. Es handelt sich beim Indischen Flohsamen (Plantago ovata) um eine mit dem Spitzwegerich verwandte Pflanze. Sie enthält in den Samenschalen pflanzliche Ballaststoffe mit einer besonders stark ausgeprägten Wasserbindungskapazität, die den Stuhlgang fördern, indem sie aufquellen und so eine Verstopfung lösen können.

Die gequollenen Pflanzenfasern dienen als Stuhlweichmacher, denn die gebundene Flüssigkeit erhöht den Wassergehalt, der Stuhl wird geschmeidig und die Stuhlentleerung damit erleichtert. In den Samenschalen enthaltene Schleimstoffe verbessern darüber hinaus das Gleiten des Stuhles im Darm. Der teilweise bakterielle Abbau löslicher Quellstoffe fördert eine gesunde Darmflora und trägt zur Versorgung der Darmschleimhaut mit Nährstoffen bei.

Lösliche Quellstoffe wie die Indischen Flohsamen sind in aller Regel besser verträglich als Ballaststoffe, wie sie etwa in Weizenkleie enthalten sind. Letztere fördern ebenfalls die Verdauung und bessern damit die Verstopfung, sie können aber auch mit unangenehmen Begleitsymptomen wie Blähungen und Bauchkrämpfen einhergehen.

Helfen weder allgemeine Maßnahmen noch die Zufuhr von Quell- und Ballaststoffen, so besteht die Möglichkeit zur Einnahme von medikamentösen Mitteln gegen Verstopfungen – sogenannte Laxantien (Abführmittel) oder Stuhlweichmacher. Dazu gehören unter anderem Polyethylenglykol (PEG)-Präparate, die in Wasser aufgelöst und getrunken werden. PEG bindet im Darm die aufgenommene Flüssigkeit und erhöht dadurch den Wassergehalt, ohne jedoch Flüssigkeits- und Elektrolytverluste zu provozieren.

Es gibt weitere Abführmittel, die sowohl pflanzlichen Ursprungs als auch synthetisch hergestellt sein können. So gibt es Wirkstoffe, die den Wassergehalt im Stuhl erhöhen, indem sie die Aufnahme von Wasser aus dem Darm in den Körper verringern (beispielsweise salzhaltige Laxantien oder Zuckerstoffe) oder den Einstrom von Wasser in den Darm fördern. Andere Medikamente üben einen direkten Einfluss auf die Darmbewegung und damit den Weitertransport des Stuhls aus.

Gelingt es durch die dargestellten Therapiemaßnahmen nicht, die chronische Verstopfung zu verbessern oder zu beheben und steht der Patient unter einem erheblichen Leidensdruck, ist auch ein chirurgisches Vorgehen zu erwägen – möglicherweise bis hin zur operativen Entfernung des Dickdarms (Kolonresektion).

Verlauf und Prognose

Inwieweit sich die chronische Verstopfung langfristig lindern oder beheben lässt, hängt entscheidend davon ab, welche Ursachen der Störung zugrunde liegen und wie gut diese zu behandeln sind.