Reizdarm-
syndrom
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Reizdarmsyndrom

Unter dem Begriff Reizdarmsyndrom werden verschiedene Erkrankungen mit den Darm betreffenden Symptomen zusammengefasst, bei denen die genauen körperlichen Ursachen nur schwer oder gar nicht nachweisbar sind.

Definition

Der „Reizdarm“ ist eine in der westlichen Welt weit verbreitete chronische Erkrankung, die kein einheitliches Krankheitsbild repräsentiert. Ein Reizdarm kann sich mit unterschiedlichen Verdauungsproblemen und Darmbeschwerden (z.B. Durchfall und/oder Verstopfungen) bemerkbar machen, die zum Teil abwechselnd auftreten. Die Erkrankung wird oft auch als Reizdarmsyndrom, kurz RDS, bezeichnet. Charakteristisch für das Reizdarmsyndrom ist, dass es sich um eine funktionelle Störung handelt und eine organische Ursache der Darmbeschwerden nicht zu finden ist. Da die Symptome sehr wechselhaft sein können, wird beim Reizdarm auch oftmals von einem „nervösen Darm“ gesprochen.

Das Reizdarmsyndrom gehört zu den häufigsten Magen-Darm-Erkrankungen. Die genaue Häufigkeit ist allerdings schwer zu beziffern, da die Erkrankung aufgrund des vielfältigen Beschwerdebilds oft schwer diagnostisch zu erfassen ist. Geschätzt wird die Krankheitshäufigkeit auf etwa 15 Prozent der Bevölkerung. Dabei sind Frauen etwas häufiger betroffen als Männer.
Die Erkrankung kann in praktisch jedem Lebensalter auftreten, auch bei Kindern und Jugendlichen.

Wodurch das Reizdarmsyndrom verursacht wird, ist noch nicht vollständig verstanden und bleibt daher im Einzelfall oft ungeklärt. Als Ursache diskutiert werden eine erhöhte Empfindlichkeit (Hypersensitivität) und eine gestörte Reizverarbeitung im Nervensystem des Magen-Darm-Trakts. Zusätzlich ist beim Reizdarmsyndrom, insbesondere vom Durchfalltyp, die Barrierefunktion gestört und die Durchlässigkeit (Permeabilität) der Darmwand erhöht.

Die Störungen werden möglicherweise auch durch Veränderungen des „Immunsystems im Darm“ und/oder durch Veränderungen des Gleichgewichts bestimmter Botenstoffe (Neurotransmitter) ausgelöst. Als weitere potentielle Ursachen des Reizdarms können eine veränderte Zusammensetzung der Darmflora (Mikrobiota) sowie Entzündungen im Magen-Darm-Trakt, insbesondere durch Infektionen, genannt werden. Die Beschwerdeintensität beim Reizdarmsyndrom wird oft durch physiologische Faktoren und Stress verstärkt, wenngleich eine ursächliche Rolle von Stress bisher nicht bewiesen werden konnte.

Die Reizdarmsymptome sind vielfältig, wobei unterschiedliche Beschwerden nebeneinander vorliegen können. Auch die Intensität der Beschwerden kann unterschiedlich sein. Zu den charakteristischen Symptomen gehören Bauchschmerzen und -krämpfe, die mit Verdauungsproblemen wie Durchfall (Diarrhoe) und Verstopfung (Obstipation) in Zusammenhang stehen.
Weitere häufige Reizdarmsymptome sind ein gesteigerter Stuhldrang, das Gefühl einer unvollständigen Darmentleerung sowie Völlegefühl und Blähungen. Die Stärke der Symptome schwankt im Verlauf der Zeit und klingt während der Nacht meist völlig ab. Entsprechend den vorherrschenden Beschwerden wird zwischen einem Reizdarmsyndrom (RDS) vom Obstipationstyp (RDS-O), einem RDS vom Diarrhoe-Typ (RDS-D), einem alternierenden Typ mit wechselnden Stuhlgangveränderungen zwischen Verstopfung und Durchfall (RDS-A) und einem RDS Mischtyp (RDS-M) unterschieden.

Die Beschwerden werden von den Reizdarm-Patient*innen oft als sehr belastend erlebt und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Der psychische Stress kann dabei so stark sein, dass es bei den Betroffenen zu Depressionen kommen kann.

Diagnose

Die Diagnostik eines Reizdarmsyndroms beruht auf zwei wesentlichen Faktoren:

  • der Erfassung des konkreten Beschwerdebilds und
  • dem Ausschluss anderer möglicher Ursachen der Symptome.

Dabei gibt es verschiedene diagnostische Kriterien und Reizdarm-Anzeichen, die auf das Vorliegen der Erkrankung hinweisen. Dazu gehören neben den oben beschriebenen Symptomen auch allgemeine Missempfindungen im Bereich des Magen-Darm-Trakts, ohne dass diese direkt als Schmerzen erlebt werden.

Ein weiterer Hinweis auf ein Reizdarmsyndrom ist eine Besserung der Beschwerden nach der Stuhlentleerung (Defäkation). Ein zentrales Kriterium ist zudem, dass für die beschriebenen Beschwerden keine organischen Ursachen gefunden und andere Erkrankungen ausgeschlossen werden können.  

Ausgangspunkt der Diagnosestellung des Reizdarmsyndroms ist eine eingehende Erfassung der Vorgeschichte (Anamnese) der Erkrankung durch den Arzt/die Ärztin. Wichtig ist vor allem zu erkennen, welche Darmbeschwerden im Vordergrund stehen, wann diese auftreten und ob es einen Zusammenhang zu konkreten Faktoren wie beispielsweise zu Ernährung, Stress oder psychischen Belastungen gibt. Die genannten Symptome, also zum Beispiel Stuhlfrequenz und Stuhlkonsistenz, müssen genau beschrieben werden, wobei auch der zeitliche Ablauf von Bedeutung ist. Möglicherweise ist es sinnvoll in einer Art Tagebuch das Auftreten und die jeweilige Schwere der Beschwerden zu dokumentieren.

Außerdem wird im Anamnesegespräch nach Hinweisen auf sogenannte Alarmsymptome gefragt. So kann zum Beispiel Blut im Stuhl und eine Blutarmut (Anämie) auf Blutungen im Magen-Darm-Trakt hinweisen, während ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust möglicherweise ein Signal für eine Darmkrebserkrankung sein kann. Weitere Alarmsignale können sehr starke, anhaltende Schmerzen, häufiges Erbrechen, Fieber und eine ungewohnte, deutlich eingeschränkte Leistungsfähigkeit sein.

Neben der Anamnese erfolgt eine körperliche Untersuchung, bei der der Bauchraum abgetastet und Blut abgenommen wird. Üblicherweise wird der Bauchraum auch mittels Ultraschall untersucht. In der Regel ist die körperliche Untersuchung beim Reizdarmsyndrom ohne wegweisenden Befund. Eine weiterführende Diagnostik richtet sich beim Reizdarmsyndrom nach dem individuellen Beschwerdebild des Patienten/der Patientin.

Voraussetzung für die Diagnose „Reizdarm“ ist der Ausschluss anderer Erkrankungen als Ursache der Beschwerden. Dazu gehören beispielsweise Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Nahrungsmittelallergien, Magen-Darm-Infektionen sowie eine chronisch entzündliche Darmerkrankung wie Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und mikroskopische Kolitis oder auch eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Vor allem bei Schmerzen im linken Unterbauch muss eine Divertikelkrankheit als Ursache ausgeschlossen werden. Dazu kann es notwendig sein, eine Magen- oder Darmspiegelung, eine Stuhluntersuchung und/oder eine gynäkologische Untersuchung durchzuführen.

Therapie

Bei der Reizdarm-Therapie ist zu beachten, dass jede/r Reizdarm-Patient*in individuelle Symptome hat und sich das Beschwerdebild durchaus im Laufe der Zeit ändern kann. Daher gibt es auch kein Mittel gegen Reizdarm, das für alle Patient*innen gleichermaßen geeignet ist.

Die Reizdarmsyndrom-Behandlung ist zum einen abhängig von den jeweiligen Symptomen, erfolgt zum anderen aber auch symptomunabhängig. Gibt es auf Grund des Reizdarms bekannte Unverträglichkeiten hinsichtlich bestimmter Nahrungsmittel, so sollten die entsprechenden Lebensmittel konsequent gemieden werden, was die Beschwerden bereits deutlich lindern kann.

Ansonsten kommt eine sogenannte Low-FODMAP-Diät als mögliche Option für eine Reizdarm-Therapie in Betracht. Dabei wird auf den Verzehr von Lebensmitteln, die bestimmte Kohlenhydrate, die sogenannten FODMAPs (Fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole) enthalten, verzichtet. Diese speziellen Kohlenhydrate können den schon gereizten Darm zusätzlich belasten und zu Durchfall, Blähungen und Bauchschmerzen führen. Eine solche FODMAP-Diät sollte nur zeitlich begrenzt und unter professioneller Aufsicht durchgeführt werden.

Es kann außerdem sinnvoll sein, die Zusammensetzung der Darmflora (Mikrobiota) zu modulieren. Möglich könnte dies durch Probiotika sein, also durch mit speziellen Mikroorganismen angereicherte Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel und Medizinprodukte, die die Mikrobiota günstig beeinflussen sollen.

Leiden die Patient*innen infolge der Belastungen durch das Reizdarmsyndrom unter psychischen Problemen, so können möglicherweise eine Verhaltenstherapie, Entspannungsübungen oder Autogenes Training hilfreich sein.

Die medikamentöse Therapie des Reizdarmsyndroms erfolgt symptomorientiert. Welche Medikamente eingesetzt werden, richtet sich also nach dem individuellen Beschwerdebild. Steht beispielsweise Durchfall im Vordergrund, so wird der Arzt/die Ärztin Medikamente verordnen, die die Darmpassage verlangsamen. Klagt der Patient/die Patientin hingegen vor allem über Verstopfung, wird er Medikamente zur Förderung der Verdauung erhalten. Beim Verstopfungs-dominiertem Reizdarm wird von Expert*innen eine Behandlung mit löslichen Ballaststoffen wie beispielsweise indischen Flohsamenschalen empfohlen. Diese haben darüber hinaus den Vorteil, dass sie auch bei Durchfall-Episoden regulierend wirken. Wenn diese die Beschwerden nicht ausreichend lindern, können auch Polyethylenglykol (PEG)-Präparate (Macrogol) zum Einsatz kommen.

Leiden Patient*innen mit Reizdarmsyndrom vor allem an Bauchschmerzen, so werden diese üblicherweise mit krampflösenden Wirkstoffen (Spasmolytika) behandelt. Hierbei können auch pflanzliche Mittel wie Pfefferminzöl oder Kümmelöl hilfreich sein.

Die Behandlung des Reizdarms erfolgt üblicherweise zunächst zeitlich begrenzt, wobei beobachtet wird, ob sich die Reizdarm-Symptome bessern. Ist das nicht der Fall, sollte die Einnahme nach spätestens drei Monaten beendet und ein anderes Behandlungskonzept erprobt werden.

Verlauf und Prognose

Der Verlauf des Reizdarmsyndroms ist definitionsgemäß chronisch, in der Regel aber nicht fortschreitend. Die Beschwerden können sich über die Jahre allmählich zurückbilden.